16.8.2018

Es ist immer wieder verblüffend, wie eng Familienbande sind. Mein Bruder ist zu Besuch. Wir haben eigentlich nie viel Zeit miteinander verbracht. Wir sind ziemlich verschieden. Und doch ist da eine innere Verbindung, die keine zeitliche Trennung oder keine blöde Diskussion stören kann. Ich habe mich seit Wochen auf seinen Besuch gefreut und freue mich auf die Tage zusammen. Rock n Roll.

17.8.2018

Nachmittag am Strand mit den Jungs. Sonne, Wind, kaltes Super Bock und kälteres Meer. Wir reden dummes Zeug. Satz des Tages: “Ey, die Möwe, er ist voll krass drauf.“

18.8.2018

Wir essen eine Art Zuckerteig mit Schokoüberzug zum Nachtisch, nachdem wir als Vorspeise schon Garnelen mit Käsebaguette, Wurst und Blutwurst und als Hauptgang Sandwich mit Steak und Käse hatten. Und ich wiederhole wieder meine These, dass die portugiesische Küche von 8-jährigen erfunden wurde.

19.8.2018

Heute wache ich auf mit pelzigem Mund, schwerem Kopf und Restalkohol. Ich weiß, dass noch nie jemand mit Kater aufgewacht ist und gesagt hat: Yippie, das schönste am Saufen ist der Kater. Das machen wir heute wieder! Aber ich meine es, wenn ich sage, dass ich immer weniger Bock darauf habe. Nicht nur auf den Kater, sondern nicht mal die eigentliche Sauferei macht mir noch Spaß. Habe mich die letzten Wochen sehr zurückgehalten und natürlich immer wieder mal gefragt, ob ich ne Spaßbremse bin. Nein, bin ich nicht. Ich habe nur meistens die richtige Entscheidung getroffen. Außer gestern.

20.8.2018

Euphorie, du wankelmütige Schlampe! Vor wenigen Wochen noch komplett besoffen vor Motivation, habe ich jetzt echte Schwierigkeiten, mich durch den Tag zu kämpfen und meine fünf Stunden auf die Arbeitsuhr zu bekommen. Aber zwei Gläser Wein und der Austausch mit Freunden über meine Schwierigkeiten beim Schreiben helfen, dass die Welt schon wieder rosiger aussieht. Ich habe viel geschafft in den letzten Wochen. Die letzten Tage in Porto werde ich gut nutzen, nächsten Mittwoch geht es zurück nach Hause. Wieder mal als anderer Mensch, wieder mal einen Schritt weiter.

Meilenstein! http://rebrand.ly/2040

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21.8.2018

Manchmal wache ich morgens aus Träumen auf, die so unterhaltsam und dramaturgisch wertvoll sind, dass ich denke, ich hätte einen Film geschaut. Heute ging es (soweit ich mich jetzt noch daran erinnern kann) um zwei Kinder in einer Wildwest-Naturkulisse, einen Jungen und ein Mädchen, die sich gegenseitig gejagt haben. Es war düster und ging um Leben und Tod. Cormack McCarthy lässt grüßen. Gerade, als der Junge das Mädchen aufgespürt hatte und ich mich als “Zuschauer” fragte, ob er es wirklich umbringen würde, wachte der Junge auf. Er lag in einem Bett und hatte alles nur geträumt. Die Frage, ob er es tun würde, blieb offen. Dann wurde ich wach. Ich bekomme die dramaturgische und poetische Qualität des Traums nicht aufs Papier, aber es war wirklich ein guter Film!

22.8.2018

Zwei Tage hintereinander Crossfit, täglich um 6 aus dem Bett und bis abends arbeiten. Ich bin erschöpft und merke, dass ich genau aufpassen muss, was ich mir zumute. Allerdings will ich lieber bei der verschwendeten Zeit streichen: Smartphone, Party, dumm am Rechner rumdaddeln. Stattdessen lieber ein paar Stunden produktiv arbeiten, gut essen, lesen, Sport, viel schlafen.

23.8.2018

Ich bin kein großer Koch, aber seit einiger Zeit koche ich mir fast alle Mahlzeiten unter der Woche selbst. Der Witz: es gibt nur zwei verschiedene Gerichte. Hatte jetzt die Idee, das kürzeste Kochbuch aller Zeiten zu veröffentlichen. Heute Fotos meines Frühstücks aus Eiern, Spinat und Linsen gemacht. Arbeitstitel des Rezepts: “Dicke Eier”. Wenn ich so weitermache, wird es ein Kochbuch für Männer.

24.8.2018

Dieter Thomas Heck ist tot. Ein Teil meiner Kindheit, ein Teil der deutschen Fernsehunterhaltung, als es noch kein Internet gab. Einmal stand er sogar in der Tankstelle vor uns. Drei bekiffte Jugendliche und dann dieser Typ im dunkelblauen Blazer mit Goldknöpfen, den wir aus dem Fernsehen kannten und der laut und schnell sprach. Werde mir der Zeit bewusst und denke an meinen Vater, der vor zwei Jahren gestorben ist.

25.8.2018

In der Kathedrale von Braga entscheiden wir uns gegen einen Besuch des Innenraums. Den Eintritt ist es uns nicht wert. Fünf Minuten später spricht uns auf der Straße eine kleine Frau an, freundliches Gesicht, ca. fünfzig Jahre alt. “Do you speak English?” “Yes.” Sie ist sichtlich aufgeregt. “I don’t ask you for money…” Als hartgesottener Berliner mache ich reflexartig dicht. Doch etwas an ihr ist anders. Sie erzählt, was ihr passiert ist. Sie hat von der Algarve die Reise nach Braga angetreten, um sich auf einen Job in einer Fabrik zu bewerben. Daraus wurde nichts. Geld, um nach Hause zu fahren, hat sie nicht und aus Gründen, die wir nicht verstehen, muss sie einige Tage in Braga auf einen Arzt warten. Sie hat den ganzen Tag noch nichts gegessen. Ob wir ihr etwas zu essen kaufen könnten? Ich sage: “Yes.” Sie seufzt erleichtert auf. “What would you like, a sandwich?”, frage ich. Wir begleiten sie in eine Bäckerei. Sie wählt ganz bescheiden etwas aus, fragt, ob das ok sei. Ich sage ihr, sie solle mehr nehmen, für später. Das nicht, aber ob wir noch im Supermarkt etwas holen könnten? Das sei billiger. Die ganze Zeit merke ich, dass es ihr wirklich schwer fällt, uns zu fragen, dass sie nicht zu viel beanspruchen will, dass sie bescheiden ist. Am Ende kaufen wir für sie noch im Supermarkt ein und geben ihr ein paar Euro zusätzlich mit. Sie ist sehr dankbar. Ich bin froh, dass wir die Gelegenheit dazu hatten, dieser Frau zu helfen. Die zehn Euro waren besser angelegt als Eintritt in eine Kirche zu bezahlen – und wahrscheinlich auch christlicher.

Original und Kopie

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26.8.2018

Ich denke gerade wieder viel darüber nach, was ich esse. Für mich ist das ein Symbol für den Gegensatz zwischen Bequemlichkeit und Anstrengung, zwischen Genuss und Verzicht, zwischen Convenience und Inconvenience (dafür gibt es keine perfekte deutsche Entsprechung, finde ich). Es ist so leicht, “mir mal was zu gönnen”, besonders nach einer Woche der Enthaltsamkeit. Aber schnell kippt es dann in noch etwas und noch etwas und noch etwas gönnen und hat nichts mehr mit Genuss zu tun. Dann ist es nur noch Völlerei, die ich nicht mehr genieße, die nicht mehr schmeckt und die auch kein Ende findet. Das gleiche gilt für die Balance zwischen Arbeit und Freizeit. Wo ist der Mittelweg und wie bleibe ich in der Spur?

27.8.2018

Morgens, 6.40 Uhr. Meine drei letzten Tage in Porto brechen an. Ich stehe in der Küche, mache Kaffee. Durch die Wohnung weht eine frische Brise, es dämmert, der Mond steht noch am Himmel. Die Möwen fliegen vor unserem Fenster. Ihr Geschrei fehlt mir jetzt schon.

28.8.2018

Hans liest mir meine Blogbeiträge auf heldenleben.com vor. Hans ist kein Mensch, sondern ein Computer. Genauer gesagt eine von Dutzenden Stimmen, die man bei Amazon Polly auswählen kann. Noch kann ich den Unterschied zu einem echten, menschlichen Sprecher hören, aber wie lange noch? Sogar Sprechpausen mit Luftholen macht Hans, obwohl er keine Luft braucht. Nur, damit es sich für uns Menschlein echt anfühlt. Wie der Porsche, dessen Motor künstlich lauter gemacht wird.

29.8.2018

Nach Hause kommen ist schön. Es ist eine Art Erleichterung nach der Fremde. Sich wieder auszukennen, die Sprache zu sprechen, den Weg zu wissen. Man kommt nach Hause in die Komfortzone, und da ist es ja auch ganz schön. Und wenn es zu komfortabel wird, haue ich wieder ab.

30.8.2018

Drei Feste bei der Schützenwirtin in Berlin-Wannsee: Im Wintergarten eine Hochzeitsgesellschaft, die eher nach Trauerfeier aussieht. Nur die roten Luftballons und viel weiß sprechen für Hochzeit. Draußen steht der Rest vom Schützenfest an einem Bierwagen und säuft sich die Hucke voll. Und daneben feiern wir Muttis Geburtstag, mit drei Generationen dabei und bunten Regenschirmen.

31.8.2018

Gar nicht so einfach, wieder nach Berlin zu kommen. Ich freue mich, bekannte Gesichter und Freunde wiederzusehen. Berlin hat viel zu bieten und ich sehe wieder mal, wie schön meine Wohnung ist. Gleichzeitig habe ich die innere Ruhe in Porto sehr genossen, niemanden zu kennen und keine Termine zu haben. Das klingt für die meisten sicher komisch, unsozial, menschenfeindlich. Ist es nicht. Ich freue mich über jeden Kontakt. Alle zusammen kosten mich aber innere Ruhe, die mir an anderen Enden fehlt. Das nehme ich in Kauf und versuche, die innere Ruhe durch andere Dinge zu gewinnen. Meditation, weniger Smartphone, Sport, Lesen, Musik.