1.9.2018

Ich finde eine Sache verblüffend: Die meisten Menschen, einschließlich mir, würden sich als ehrlich und sozial bezeichnen. Und trotzdem erlauben wir uns alle unsere Lücken, unsere Balken im eigenen Auge. Wie zum Beispiel private Abendessen von der Steuer abzusetzen oder im Bus mit dem Rucksack den Nebenplatz zu blockieren, damit sich keiner neben einen setzt. Wir machen das ganz selbstverständlich und unkritisch uns selbst gegenüber. Aber wenn wir es bei anderen sehen, ist es die größte Sauerei.

2.9.2018

Früher dachte ich, manchmal ist man halt gut drauf und manchmal nicht. Heute merke ich immer deutlicher, wie meine Stimmung von meinen Handlungen abhängt. Wenn ich schlecht esse, zu wenig schlafe und zu viel trinke, sinkt meine Stimmung. Damit meine ich nicht nur den direkten Effekt eines Katers, sondern auch längerfristig, über mehrere Tage und Wochen. “Das Sein bestimmt das Bewusstsein”, hat Marx gesagt. Für heute könnten wir es um den Satz “Dein Sein bestimmt Dein Bewusstsein” ergänzen.

3.9.2018

Bei der Arbeit höre ich die alten Schallplatten meines Vaters. Eine Seite dauert ca. 20-25 Minuten, das zwingt mich, regelmäßig aufzustehen. Aufstehen, Platte anhalten, herunternehmen, in die Hülle schieben, ins Regal stellen, neue Platte auswählen, auflegen und von Staub reinigen, starten. Eine schöne manuelle Handlung, fast andachtsvoll, die mich immer an meinen Vater erinnert. Ich denke daran, wie wir in meiner Kindheit für mich Mixtapes zusammengestellt haben und wünschte, wir hätten das in den letzten Jahren öfter gemacht.

4.9.2018

Meine erste Besprechung mit meinem Geschäftspartner im Bata seit zwei Monaten. Viel zu besprechen, den Laden weiter voranbringen, die Wintersaison steht vor der Tür. Es ist doch ziemlich cool, so einen Laden zu haben. Ich genieße den Kaffee, die Musik und das Klicken von Billardkugeln, während ich am Rechner sitze. Gut, zurück zu sein!

5.9.2018

[Diesen Eintrag hätte ich fast gelöscht, weil ich Zweifel hatte: Kann jemand meine Gedanken nachvollziehen? Klinge ich wie ein Teenager? Aber scheiß drauf, ich habe halt diese Gedanken.]

Ich will nicht mehr versuchen, cool zu sein. Seit der Pubertät geht es darum, cool zu sein. Und ich habe das Gefühl, dass ich damit nie aufgehört habe. Ich bin nicht “cool”. Ich meine nicht, dass ich nicht liebenswert oder interessant wäre. Ich meine nicht mal, dass ich nicht cool wirken kann. Man kann ja alles lernen, und cool wirken lernen wir heute alle irgendwie. Aber es macht mich nicht aus. Ich meine damit, dass ich nicht natürlich “cool” bin. Samuel-L.-Jackson-Das-ist-wirklich-ein-guter-Burger-cool. Jan-Delay-cool. Mich machen andere Dinge aus. Ich bin neugierig, begeistert, freue mich über die beknacktesten Dinge, bin präzise, bin in manchen Dingen ein Nerd, ein Besserwisser, ein Schlaumeier. Das macht mich mehr aus als cool zu sein. Warum ich das feststelle? Weil mich der Versuch, cool zu wirken, daran hindert, mich voll zu entfalten. Ich werde sicher nicht anfangen, mich gar nicht mehr darum zu scheren, was andere über mich denken. Aber ich will nicht mehr versuchen, cooler zu wirken als ich bin.

6.9.2018

Ich glaube, dass es gut ist, Menschen zu helfen, denen es schlechter geht als uns. Ich glaube, dass großes Potential in den geflüchteten Menschen steckt, die nach Deutschland gekommen sind, und dass sie eine Bereicherung sind. Es ist verlockend, jeden, der darin mehr Risiken als Chancen sieht, als Nazi darzustellen. Aber unglaublich falsch. Bin kein großer Freund von #wirsindmehr, weil es spaltet in “wir” und “die”. Gemeint ist zwar, “mehr als die Neonazis”, und das ist richtig, aber die normalen Menschen mit zwar irrationaler, aber echt empfundener Angst vor Veränderung und mit teilweise sehr realen Existenzsorgen fühlen sich mit angesprochen. Als “die”, nicht als wir. Dunya Hayali macht es richtig, geht auf die Straße und hört den Menschen zu. Und in manchen Momenten denke ich dann, es könnte doch klappen, wenn wir uns weiterhin zuhören, auch, wenn wir anderer Meinung sind.

7.9.2018

Gutes Gespräch mit Maria übers Schreiben. Wir sind uns einig, dass die besten Texte immer die sind, in denen man etwas von sich preisgibt und sich nicht darum kümmert, was die anderen denken. Also weeeiiitttt außerhalb meiner Komfortzone. Aber es führt kein Weg daran vorbei. Eieiei.

8.9.2018

Ich flicke eine Stunde lang Löcher in meinen T-Shirts. Gefühlt eine völlig absurde, ineffiziente Tätigkeit. Aber es entspannt mich. Und ist auch nicht absurder als eine Stunde lang auf dem Smartphone herumzuwischen.

9.9.2018

Ich habe heute Geburtstag. Ich mag Geburtstage. Ich erinnere mich dann gerne an vergangene Geburtstage, was ich gemacht habe und wie mein Leben damals aussah. Es ist fantastisch, wie viel Veränderung in ein paar Jahren eintreten kann. Was wird in fünf Jahren sein? Ich liebe es, dass ich heute noch keinen blassen Schimmer habe, was mich erwartet.

10.9.2018

Bin heute furchtbar müde und habe keine Lust aufzustehen. Liege bis mittags im Bett, will meine Termine absagen und mich krank melden. Aber das mache ich natürlich nicht. Ich bin ja keine zwanzig mehr.

11.9.2018

Manchmal bin ich erstaunt, wie normal mir mein Leben vorkommt. Heute bin ich um sechs aufgestanden, habe bis zwölf gearbeitet, dann gefrühstückt und bin ins Bata zu meiner wöchentlichen Besprechung mit meinem Geschäftspartner gefahren. Um 15.30 Uhr habe ich dann mit einem Leser meines Blogs aus Belgien eine Runde Billard gespielt, bin wieder nach Hause, habe eine Stunde gearbeitet, bin zum Sport gefahren, habe danach im Bata einen Cocktail getrunken und Flipper gespielt, nur um jetzt, um 21.30 Uhr, nochmal eine letzte Arbeitssession einzulegen, weil ich eine Sache unbedingt fertig bekommen will, bevor ich morgen nach Minsk fliege.

12.9.2018

Heute bin ich nach Minsk geflogen. Vier Tage wandern und Minsk besichtigen mit den Jungs. Ich bin wieder einmal fasziniert, wie einfach reisen mit mobilem Internet ist. Im Flughafen-WLAN schnell den besten Mobilfunkanbieter recherchiert, an dessen Verkaufsstand für drei Euro eine Woche Internet gekauft und mit Google Navigation den Weg zu unserem Hotel in der weißrussischen Pampa gefunden – mit minutengenau prognostizierter Ankunftszeit. Prä-Internet-Globetrotter-Veteranen können sich jetzt sicher nicht entscheiden, ob sie lachen oder weinen sollen.

13.9.2018

Ich habe mal von einer Studie gelesen, die belegt hat, dass der Anblick von Natur etwas mit unseren Gehirnen macht – etwas Gutes natürlich. Die Abwesenheit von Natur umgekehrt natürlich auch. Heute fünf Stunden durch den weißrussischen Wald gelatscht und das wieder voll praktisch gemerkt. Das Hirn ist frei, die Seele leicht. Und das nicht nur gefühlt, sondern, s.o., wissenschaftlich belegt.

14.9.2018

Abends in Minsk beim Kellerduell der 1. Fußball-Liga Weißrusslands: FC Luch Minsk gegen Torpedo Minsk. Der Eintritt ist frei, etwa 200 Zuschauer verlieren sich im Stadion. Wohlgemerkt, der Meister dieser Liga spielt Champions League. Wir sind für Luch, das Werksteam der Minsker Uhrenwerke. Luch gewinnt mit unserer tatkräftigen Unterstützung 3:1. Die Frau neben mir brüllt auf Russisch die schönsten Beleidigungen gegen Schiedsrichter und Gegner. Ich würde sie gerne verstehen. Wahllos ein Fußballspiel zu besuchen ist immer wieder eine tolle Möglichkeit, das echte Leben eines Landes kennenzulernen.

15.9.2018

Minsk ist ziemlich anders als andere Städte. Weißrussland ist keine Demokratie, sondern immer noch eine Planwirtschaft. Alles ist sehr ordentlich und überall regiert der Pomp. Riesige Gebäude, dutzende Denkmäler, die an den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg erinnern. Ich würde gerne Russisch können. Die Menschen sind nett, aber ich kann mich nicht mit ihnen verständigen. Abends dann Bierchen in einer hippen Bar mit lässiger Einrichtung, coolen Bartendern und House-DJs. Es gibt Hoffnung.