16.10.2018

Es ist ja immer sehr leicht, den Glauben an die Menschheit zu verlieren. Muss man nur Nachrichten schauen. Eine Sache, die mich immer wieder an die Menschheit glauben lässt, ist die Open-Source-Bewegung. Mein Rechner läuft auf Linux. Fast alle Programme, die ich nutze, laufen auf Open-Source-Software wie z.B. LibreOffice, Inkscape und Gimp. Alle meine Websites laufen auf Open-Source-Software, genau so deren Webserver. Ganz praktisch gesprochen wird Open-Source-Software von tausenden, Millionen Menschen auf der Welt geschaffen, die dafür nicht bezahlt werden. Die gemeinsam an Software arbeiten, weil sie Lust darauf haben, und damit fantastische Produkte schaffen.

17.10.2018

In meinem Schreibprogramm Papyrus Autor kann ich ein Tagesziel für geschriebene Wörter festlegen. Ich hasse und liebe diese Funktion. Ich hasse sie, weil sie unerbittlich jeden Tag wieder “-1000 Wörter” anzeigt, egal, wieviel und wie flüssig ich gestern geschrieben habe. Und ich liebe sie, weil es nur so geht: Jeden Tag weitermachen. Bis das Ding fertig ist.

18.10.2018

Seit ich ein Kind bin, stelle ich mir vor, wie es wäre, viele verschiedene Leben zu leben. In verschiedenen Regionen, Körpern, Berufen, Zeiten. Wahrscheinlich lese ich deshalb so viel, und besonders gerne Romane, die viele Jahre umspannen, oder Biographien. Weil ich so viele verschiedene Leben zumindest in meinem Kopf nacherleben kann. Der Vorteil dieser Neugier im echten Leben: Ich probiere vieles aus und kann mir alles mögliche für mein Leben vorstellen. Der Nachteil: Ich habe permanent Angst, etwas zu verpassen, wenn ich mich für eine Sache entscheide.

19.10.2018

Anfangs stellen wir uns noch Fragen, um das Gespräch in Gang zu bringen. Gute Fragen, die interessante Gedanken hervorbringen. Nicht “Wie geht’s?” Nach den ersten drei, vier Fragen sind wir drin, kommen vom Hölzchen aufs Stöckchen und gehen alle Themen durch, die wichtig sind. Politik, Frauen & Männer, Coaching, Beruf, Sinn des Lebens. Dann sind auf einmal fünf Stunden rum.

20.10.2018

Lektion des Neffen, was Besitz ist. Wir zusammen im Kinderzimmer. Ich zeige auf ein Feuerwehrauto: “Was ist das?” Er: “Meins.”

21.10.2018

Ich hatte ganz vergessen, wie gut Benjamin von Stuckrad-Barre schreibt. Das Kapitel über seine Magersucht ist unglaublich: “Im Verlauf eines solchen Anfall sinkt man auch jedes Mal tiefer ins Klo, man möchte am liebsten ganz darin verschwinden, das Spülwasser kühlt angenehm den erhitzten Kopf. Zum Schluss, wenn alles gegessen und alles wieder draußen war, hockte ich da, den Kopf auf dem Kloschüsselrand, vollkommen erledigt, und ich schaute schräg nach oben, über dem blickdichten Milchglasfenster des Bades befand sich noch ein kleines normales Fenster, und da sah ich von dort unten, gute Perspektive, ein kleines Stück Himmel über der angrenzenden Brandschutzmauer.” Soviel zum Thema sich selbst nackig machen.

22.10.2018

Ich fahre mit einem Gerät, das aussieht wie ein Spielzeugauto, über meinen Kopf. Statt der Hinterräder hat es eine Rasierklinge und ist somit das perfekte Spielzeug für Männer mit Glatze. Immer, wenn man denkt, jetzt ist alles erfunden, kommt einer daher und denkt sich sowas aus.

23.10.2018

Ich lese über von Stuckrad-Barres Exzesse und frage mich, ob man das erlebt haben muss, um interessante Bücher zu schreiben. Mein Leben kommt mir langweilig vor im Gegensatz dazu. Ich habe sicher die gleichen Gelüste, war aber immer kontrolliert genug, sie nicht auszuleben. Außer in meiner Kifferzeit als Jugendlicher vielleicht. Das würde ein kurzes Buch – kann mich an kaum was erinnern.

24.10.2018

Heute Panikherz zu Ende gelesen. Ja, das dritte Mal von Stuckrad-Barre in den Momentaufnahmen, aber das Ding hat es mir einfach angetan. Er hat es mir angetan. Wie man gleichzeitig so distanziert und nah über sich selbst und andere schreiben kann, ist große Kunst. Danke, Stuckiman!

25.10.2018

Mein Bruder hat Geburtstag. Wir gehen mit der Familie essen und ich beschäftige mich mit meinem zweijährigen Neffen. Kinder sind erstens komplett andere Wesen als Erwachsene. Alles ist triebgesteuert: Ich will das, was ist das, ich bin glücklich, ich will das nicht. Zack, da ist ein Gefühl und raus damit. Zweitens kann man Kindern in real time beim Lernen zuschauen. Das ist ein Baum, das ist ein Fahrrad, probier mal das, willst du das? Zwei Wochen später ist der Wortschatz schon wieder erweitert, wird der eigene Willen klarer geäußert. Drittens kann man Kinder (verwandte Kinder, nicht einfach so machen!) einfach anfassen. Umarmen, mit den Händen spielen, toben, Quatsch machen. Alles sehr physisch. Das sollten wir Erwachsenen auch öfter machen. Wenn wir uns öfter anfassen würden, wäre die Welt ein besserer Ort.

26.10.2018

Heute die magische Marke von vierzigtausend Wörtern für meinen Roman überschritten. Halbzeit! Es steckt schon eine Menge Arbeit drin, aber ich merke, wie es mir immer leichter fällt, flüssig zu schreiben und einfach Output zu produzieren. Das erste Ziel meines Projekts war, schreiben zu üben. Es zu lernen, einfach rauszuhauen, zu produzieren, erst einmal egal, was es taugt. Das kann ich jetzt, und ich habe sogar das Gefühl, dass die Qualität langsam steigt. Das Buch könnte ok werden.

27.10.2018

Einen Tag komplett durchgelümmelt. Lange geschlafen, spät aufgestanden, Frühstück am Nachmittag, wieder hingelegt, im Bata Besuch aus München getroffen und zur Sicherheit früh ins Bett.

28.10.2018

Heute in einem veganen Restaurant gefrühstückt und nichts vermisst. Dabei festgestellt, dass ich meine täglich selbst gekochten Gerichte nur in jeweils einem Bestandteil ändern müsste, um diese vegan zu halten. Mein Verstand sagt mir, dass vegane Ernährung vermutlich die Zukunft ist. Sagen wir, ich nähere mich der Idee an, selbst irgendwann vegan zu leben. Abends dann Döner. Hey, alles braucht Zeit.

29.10.2018

Ich wache auf und habe wieder dieses tiefe Brummen im Ohr. Seit einigen Tagen höre ich es wieder, immer morgens. Heute ist es so stark, dass ich nicht wieder einschlafen kann. Ich google “brummen im ohr” und stoße auf zahlreiche Informationen, die das Phänomen beschreiben, sogar einen Wikipedia-Eintrag gibt es. Ich habe schon früher davon gelesen, vor rund zehn Jahren, als ich es erstmals hörte. Damals war es nach einiger Zeit wieder verschwunden, aber dieses Jahr im Sommer in Porto fing es wieder an. Es ist gar nicht so störend, eher irritierend. Ist es nur in meinem Kopf oder ist da wirklich was? Was kann ich tun, um es loszuwerden oder damit umzugehen? Bin ich zu gestresst, ernähre ich mich falsch oder muss ich in Zukunft einen Aluhut tragen?

30.10.2018

Ich sehe einen älteren Herren im Schritttempo seinen Porsche bedienen und muss wieder an meine Idee eines sozialen Projekts der besonderen Art denken. Die, die sich einen Porsche leisten können, sind meist zu alt, um ihn wirklich zu genießen. Und die, die ihn wirklich genießen würden, sind zu jung, um ihn sich leisten zu können. Wie wäre es, wenn man Sportwagen-Patenschaften vermittelt, wo alte Knacker in ihren heißen Öfen junge Männer zu Rundfahrten einladen? Ich finde die Idee charmant.

31.10.2018

Was mich bei meinem Buch derzeit am meisten beschäftigt, ist, ob es ein gutes Buch werden wird. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass ich das Buch fertig bekommen werde. Aber bezüglich der Qualität habe ich die größten Zweifel. Es muss nicht gleich die Champions League gewinnen, aber solides Bundesliga-Mittelfeld wäre schon schön. Woran ich mich noch gewöhnen muss, ist, dass es vielleicht tatsächlich schon eine Leistung ist, überhaupt ein Buch zu schreiben. Die ganze Arbeit zu investieren. Das Risiko einzugehen, ein schlechtes Buch zu schreiben. Sich derart zu entblößen. Und wenn mein Buch am Ende einen besseren Autor dazu ermuntert, sein Buch zu schreiben – “Wenn der das kann, kann ich das auch!” – dann hätte mein Buch ja auch einen Zweck erfüllt. Nicht, dass mir das reichen würde. Aber es ist ein schöner Nebenaspekt.