1.7.2019

Vor einem Jahr bin ich nach Porto gegangen. Als ich 2012 allen Besitz auflöste, war der größte Gewinn, dass mein Besitz mich nicht mehr besaß. Ich konnte frei entscheiden, wo ich sein wollte. Jetzt habe ich wieder eine Wohnung mit zwar schmaler Einrichtung, aber trotzdem einigem Zeug. Und ich war seit Porto nicht mehr länger weg, weil ich meine Wohnung nicht mehr untervermieten darf. Der Besitz besitzt mich wieder. Wie konnte das passieren?

2.7.2019

Ich habe Hunger. Ich habe seit 20 Stunden nichts gegessen. Seit ca. drei Jahren mache ich Kurzzeitfasten. 1-2 Mal pro Woche esse ich für 24 Stunden nichts. Intuitiv klingt es verrückt, freiwillig zu hungern. Ist Hunger nicht eine Geißel der Menschheit, die wir in großen Teilen der Welt überwunden haben? Meine Eltern haben nach dem Krieg noch unfreiwilligen Hunger erlebt und ihr Sohn macht es freiwillig. Heute ist Hunger aber höchstens unangenehm, nicht lebensbedrohlich. Hunger ist für mich nicht nur unangenehm. Er bedeutet Verzicht, Askese, Reinigung, Maß halten und auch Freiheit. Wenn ich mittlerweile Hunger verspüre, aber es nichts zu essen gibt, was ich mag, dann esse ich halt einfach nichts. Ach und übrigens: Kurzzeitfasten ist gesund.

3.7.2019

Bargeld ist ja auf dem absteigenden Ast. Ich finde es auch praktischer, einfach eine Kreditkarte gegen einen Kasten zu halten. Aber so ‘n dickes Bündel Scheine in der Tasche fühlt sich irgendwie schon geil an.

4.7.2019

Es ist gerade Mittag und ich habe bereits diese Sachen gemacht: an meinem Roman gearbeitet, Kundenservice für unseren Onlineshop, meine Finanzen gecheckt, ein Online-Meeting mit einem Kundenprojekt, die Einkäufe für den morgigen Branding-Workshop geplant, die Verpflegung für morgen geplant, mich inhaltlich auf den Workshop vorbereitet. Ich bin in solchen Momenten immer wieder stolz, dass ich nicht komplett verrückt werde.

5.7.2019

Ein Tag weit außerhalb meiner Komfortzone geht zu Ende. Acht Stunden Leitung eines Branding-Workshops; alles ist gut gelaufen, ich bin zufrieden. Und, wie immer, wenn man sich hart aus seiner Komfortzone begibt, zeigen sich neue Möglichkeiten.

6.7.2019

Vor sechs Jahren war ich bei einem der besten Konzerte, die ich je besucht habe: The Black Seeds im alten Festsaal Kreuzberg, kurz bevor dieser ausbrannte. Jetzt kommen sie wieder nach Berlin, in den neuen Festsaal. Ich bin dabei.

7.7.2019

Ich lese „Der Distelfink“ von Donna Tartt, und ich weiß jetzt schon, nach 100 Seiten, dass ich dem Buch fünf Sterne geben werde. Dieses Buch ist so herausragend und ich habe fast das Gefühl, dass ich den meisten anderen Büchern in meinem Goodreads-Profil einen Stern abziehen müsste, um das Buch von anderen abzuheben. Aber ich kann einfach keinem Buch, was mir nicht so gut gefallen hat, zwei oder nur einen Stern geben, da ich die grundsätzliche Leistung des Autors würdige, ein Buch geschrieben zu haben. Weniger als drei Sterne kann ich echt nur geben, wenn ich wirklich sauer bin.

8.7.2019

Wann habe ich mich eigentlich an den Anblick älterer, völlig normal aussehender Menschen gewöhnt, die in Mülleimern wühlen?

9.7.2019

Ich fahre zur BSR und schmeiße die CD-Schränke meines Vaters weg, weil sie keiner haben will – auch nicht geschenkt. Mein Vater war richtig happy, dass er diese hochwertigen CD-Schränke aus Metall gefunden hatte. Jetzt sind sie Schrott. Jemand hat diese Dinger entwickelt, gebaut, nach Deutschland transportiert und meinem Vater verkauft. Sie sind voll funktionsfähig gewesen. Wahnsinn, in was für einem Überfluss wir leben, selbst wenn wir uns nie als reich bezeichnen würden.

10.7.2019

Dieses Gefühl, etwas verbrochen zu haben, wenn man an Sicherheitspersonal vorbeigeht. Ich hab nichts gemacht!

11.7.2019

Erstes Treffen des Citizen Circles in Riga. Wir stehen im Park, quatschen, trinken Bier. Ein Besoffener, wirklich sternhagelvoll, wankt die ganze Zeit um uns rum, schnorrt Kippen und Bier, steht zu dicht an uns dran. Er nervt und wir wollen, dass er woanders hingeht, aber irgendwie ist es auch tragisch. Der Mann ist einfach komplett alleine und will wahrscheinlich einfach nur dabei sein bei dieser lustigen, glücklichen Truppe.

12.7.2019

Erster Konferenztag des Citizen Circle in Riga. Ich versuche bei diesen Veranstaltungen mittlerweile nicht mehr, jeden kennenzulernen und alles mitzubekommen. Stattdessen versuche ich, im Moment zu sein, offen zu sein und einfach darauf zu achten, was mir passiert. Daraus ergeben sich gute Begegnungen, Einsichten. Nach ein, zwei Stunden bin ich voll drin und genieße den Tag.

13.7.2019

Heute Abend lese ich zum ersten Mal öffentlich aus meinem Buch vor (obwohl es noch nicht fertig ist). Ich dachte, ich würde ein komplettes nervliches Wrack sein, bin ich aber nicht. Klar, heute Abend werde ich aufgeregt sein, aber vor allem freue ich mich total darauf. Endlich bin ich mal der Mann auf der Bühne mit Leselampe und Wasserglas.

14.7.2019

Meine 365. Momentaufnahme. Ich bin müde und verkatert, aber heute ist trotzdem ein guter Tag. Ich habe gestern vor vielleicht 40 Freunden aus dem CC aus meinem Buch vorgelesen. Es hat sich gut angefühlt, auf der Bühne zu sitzen, zu merken, auf welche Stellen die Zuhörer besonders reagieren, danach die Anerkennung zu erhalten. Ein bisschen gefährlich ist es schon, mich für eine Arbeit feiern zu lassen, die noch nicht beendet ist. Aber ich erlaube mir einfach, das als Belohnung für die bisherige Arbeit zu sehen und als Ansporn, das Projekt fertigzubringen. Ich bin ein glücklicher Mann.

15.7.2019

Nach der CC-Konferenz bin ich inspiriert und denke an die großen Ziele, an die großen Zusammenhänge hinter dem, was ich tun möchte. Und dann lese ich meine E-Mails, die sich über die letzten Tage aufgestaut haben, und bin wieder voll im Klein-Klein des Tagesgeschäfts. Das Tagesgeschäft und die großen Ideen stehen gedanklich immer im Wettbewerb, dabei besteht das Tagesgeschäft ja aus den vielen kleinen Aufgaben und Tätigkeiten, die Teil eines größeren Ganzen sind. Wie bekomme ich es hin, in der kleinteiligen Arbeit des Tages das große Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren?