16.9.2019

Es ist gut, wenn man sich umentscheiden kann. Wir wollten eine Woche auf dem Hausboot sein, in die Natur gucken und tagsüber arbeiten. Aber die Technik funktioniert nicht wie erwartet, das Wetter ist kabbelig und ich habe festgestellt, dass mir richtige Boote oder richtige Häuser lieber sind als eine Mischung daraus. Wir fahren ein bisschen traurig nach Hause, aber auch zufrieden damit, schnell umdenken zu können.

17.9.2019

Der Wecker reißt mich um sechs Uhr aus dem Schlaf und ich will einfach nicht. Ich drehe noch eine Runde, ignoriere mein schlechtes Gewissen und erlaube mir, den Tag entspannt anzugehen. Ein Experiment, ob ich auch ohne Wecker und Druck am Ende des Tages zu Ergebnissen komme. Und siehe da: Ja, es geht.

18.9.2019

Ich ärgere mich so sehr über etwas, dass ich vor Wut gegen ein Möbelstück trete, was mir wirklich nur alle paar Jahre mal passiert. Ich hinterlasse eine Delle im Möbel, was den Vorteil hat, dass ich mich danach über die Delle ärgere und nicht mehr über den ursprünglichen Auslöser. Noch schöner wäre gewesen, wenn ich ohne Sachschaden aufgehört hätte, mich zu ärgern. Nächstes Mal.

19.9.2019

Nachdem ich gestern bis 2 Uhr nachts wach war, dachte ich, der heutige Tag ist im Eimer. Doch ich akzeptiere einfach, dass die Dinge sind, wie sie sind, schlafe aus und mache dann einfach meine Arbeit wie sonst auch. Am Ende habe ich sechs gute Stunden auf der Uhr und alles war halb so schlimm.

20.9.2019

Ziemlich begeistert vom neuen Tarantino “Once upon a time in Hollywood”. Geile Musik, geile Kostüme, geil inszeniert und Brad Pitt und Leonardo Dicaprio als Traumduo. Da kann ich es sogar verkraften, dass mir beim Tarantino-haften Finale etwas blümerant wird.

21.9.2019

Wir laufen durch den Grunewald und kommen irgendwann an eine große Wiese, wo Schilder darauf hinweisen, dass dort zeitweilig Schafe weiden. Wir sehen nur ein Schaf in der Ferne, dafür aber etliche mittelalte, nackte Männer, die sich auf der Wiese sonnen.

22.9.2019

Thilo Sarrazins Nachname geht auf die Sarazenen zurück, den Sammelbegriff für die arabischen Invasoren Europas seit der Spätantike (das klingt jetzt so, als hätte ich davon voll Ahnung, habe ich aber nur bei Wikipedia nachgeschaut). Also: Einer der prominentesten Warner vor dem Untergang des Abendlandes stammt entweder selbst von ehemaligen arabischen Invasoren ab oder seine Vorfahren wurden mit diesem Namen zumindest als Fremde diskriminiert. Das nenne ich mal gelungene Integration!

23.9.2019

Genau wie gestern fahre ich morgens zum Moritzplatz. Ich bemerke, dass mir Berlin sonntagmorgens besser gefällt als montagmorgens. Es ist einfacher ruhiger und es sind weniger Menschen auf der Straße. Vielleicht sollte ich nur noch am Wochenende rausgehen.

24.9.2019

Eigentlich wollte ich nach dem Sport sofort nach Hause, um früh ins Bett zu kommen. Doch dann ist spontan Billard-Besuch aus Asien im Bata und wir zocken bis Mitternacht. Bei aller Disziplin ist das Leben doch auch für solche Abende da.

25.9.2019

Gerade mal 50 Seiten in Steven Pinkers „Aufklärung jetzt“ („Enlightenment now“ auf Englisch) hinter mir und ich wäre begeistert, wenn dieses Buch so viele Leser wie möglich fände. Kostprobe:“… das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts hat populistische Bewegungen erstarken sehen, die die Ideale der Aufklärung unverhohlen ablehnen. Sie sind nicht kosmopolitisch, sondern tribalistisch eingestellt, nicht demokratisch, sondern autoritär, verachten Experten, statt vor Wissen Respekt zu haben, und schwelgen in nostalgischen Erinnerungen an eine idyllische Vergangenheit, statt auf eine bessere Zukunft zu hoffen.“

26.9.2019

Ich finde es cool, dass ich in einem Land lebe, dass sich das Futurium leisten kann, ein Museum für die Zukunft. Ich kann wirklich jedem empfehlen, da hinzugehen. Die Ausstellung ist toll gemacht, das Gebäude schön, der Museumsshop ein Paradies für Nerds und der Eintritt ist sogar frei. Dafür zahle ich gerne Steuern.

27.9.2019

Ich bekomme mit, wie jemand seinen Ehering verliert. Ich stelle mir vor, dass das ganz schön was auslösen kann in einer Ehe, da der Ring ja mit so viel Symbolik aufgeladen ist und der Verlust vermutlich schwerer wiegt als der eigentliche Verlust eines Schmuckstücks wiegen sollte. Wenn ich heiraten würde, würde ich mir ein Duplikat meines Rings anfertigen lassen und sicher verwahren. Wenn ich ihn verlieren würde, würde ich einfach den Ersatz anlegen und alles wäre im Lack. Ich finde das Betrug für einen guten Zweck.

28.9.2019

Berlin könnte schön sein, wenn es nicht so voll, voll, voll wäre. Ich entwickle Aggressionen gegen andere  Menschen, nur, weil sie da sind. Den anderen geht es mit mir wahrscheinlich genau so. Was kann man denn da machen?

29.9.2019

Ich stehe in meiner Wohnung und denke daran, dass ich in zwei Monaten ausziehen werde. Die Entscheidung war relativ schnell gefällt. Und obwohl im Leben Tag für Tag einzeln vergeht, markiert der Auszug einen Abschnitt in meinem Leben und ein neuer beginnt. Was wird der neue Abschnitt bringen und welche Markierung werde ich als nächstes setzen?

30.9.2019

Ich mag heute morgen nicht aufstehen und denke an den ewigen Widerstreit in unserem Leben: Sollen wir unsere Komfortzone verlassen, uns pushen, um uns zu neuen Höchstleistungen anzutreiben? Oder sollen wir achtsam mit uns sein, auf unsere inneren Wünsche und Signale hören, um uns nicht zu überanstrengen? Oder gibt es eine Möglichkeit, beides unter einen Hut zu bekommen?