1.10.2019

Langweilig ist mein Leben nicht gerade. Siehe dieser Tag: Morgens schreibe ich an meinem Roman, dann putze ich die Wohnung, dann gehe ich ins Vabali zu Sauna und Massage, dann Besprechung im Bata, abhängen mit einem zweifachen und einem einfachen Billardweltmeister, Billardstunde für eine Gruppe geben, nach Hause, Sachen packen, weil es morgens um 5 in die Ukraine zum wandern geht.

2.10.2019

Ist es nicht unglaublich, dass die Menschheit Tausende von Sprachen spricht? Weltweit haben Menschen unabhängig voneinander gelernt, sich mit Sprache zu verständigen. Sie sind dabei so kreativ gewesen, dass sich Sprachen so sehr unterscheiden, dass wir uns nicht verstehen, wenn wir nicht die gleiche Sprache sprechen. Ich fliege heute in die Ukraine und wünschte, es gäbe den Babelfisch.

3.10.2019

In der Ukraine haben die Kirchtürme meist die klassische Zwiebelform, wie man sie aus Russland kennt. Alle dieser Zwiebeltürme sind mit golden oder blau schimmerndem Metall beschlagen, das so sauber glänzt, als würde der Dachdecker gerade erst seine Leiter zusammenklappen. Wir haben verschiedene Theorien, wie die das hinbekommen, die alle gleich unwahrscheinlich sind. Erstens: Alle Dächer wurden uns zu Ehren gestern frisch belegt. Zweitens: Alle Kirchendächer verfügen schon über neueste ukrainische Oberflächentechnologie, die die Struktur von Lotusblättern imitiert, an denen Schmutz perfekt abperlt. Drittens: Gott putzt.

4.10.2019

Sehr schöner Aufstieg zu dem höchsten Gipfel der Ukraine, der Howerla. Auf dem Rückweg sammeln wir den gröbsten Müll auf, den andere Wanderer liegengelassen haben. Auf halbem Weg ist unsere große Plastiktüte voll. Leute, die hier unterwegs sind, müssen doch die Natur lieben, wie können die einfach ihre Dosen und Flaschen hier liegenlassen? Jedenfalls erledigen wir so unsere erste gute Tat des Tages. Danach schenken wir einem tapferen Wandererpaar aus Litauen unsere Snickers und nehmen auf dem Rückweg noch eine ältere ukrainische Mutti im Auto mit. Heute waren wir gute Menschen.

5.10.2019

Für uns ist unsere Freiheit immer irgendwie selbstverständlich. Am Denkmal für die „Hundert Heiligen“ in Lemberg werde ich daran erinnert, dass vor gut fünf Jahren bei den Maidan-Protesten hundert meist junge Menschen dafür gestorben sind, dass sie frei leben wollten. Nicht weit von dort, wo ich heute Burger essen gehe und Craft-Beer trinke.

6.10.2019

Besuch im Museum für Volksarchitektur und Landleben, einem wunderbar mitten in den Wald gebauten Freilichtmuseum in Lemberg. Es besteht aus dutzenden Häusern, Ställen, Hütten und sonstigen typischen Gebäuden der Ukraine aus den letzten drei Jahrhunderten. In viele Häusern sitzen alte Ukrainer, die den Besuchern Dinge über das jeweilige Haus erklären – natürlich auf ukrainisch und russisch, aber auch auf Englisch oder sogar Deutsch. Da erzählt uns dann eine über achtzig Jahre alte Omi, wie der Ofen funktioniert, und zwar auf deutsch, weil sie als kleines Mädchen in der Schule Deutsch gelernt hat.

7.10.2019

Ich fahre mit dem Fahrrad am Großen Stern vorbei, wo die Leute von Extinction Rebellion die Straße blockieren. Wie Rebellen sehen sie nicht aus, eher wie eine rührende Hommage an Kumbaya-singende Hippies. Aber ich finde gut, was sie machen. Von mir aus könnte man die Innenstadt permanent für privaten Autoverkehr sperren, und freue mich zudem ganz persönlich, auf der Mitte der dreispurigen Fahrbahn fahren zu können.

8.10.2019

Ich brauche ‘ne halbe Stunde, um mit VPN und allem Fitz und Fatz „Can we take a joke“ zum Laufen zu bringen, einen Dokumentarfilm darüber, wie Comedians in den USA immer mehr unter Beschuss geraten, weil irgendjemand sich in seinen Gefühlen verletzt fühlt. Doch der Aufwand lohnt sich. Der Film ist witzig und besorgniserregend zugleich. Es gibt kein Recht darauf, nicht in seinen Gefühlen verletzt zu werden, und wenn wir jede Rede verbieten (oder modern: niederbrüllen bzw. shitstormen), die Gefühle verletzt, sind wir bald alle stumm. Ich bin durch den Film richtig motiviert, selbst mehr Risiken einzugehen.

9.10.2019

Ach, ich weiß auch nicht, Leute. Könnten wir vielleicht alle zusammen etwas achtsamer, bescheidener, mutiger, zuversichtlicher, großzügiger, sorgfältiger und dankbarer, kurz gesagt etwas weniger Arschloch sein? Zu uns selbst und zu anderen?

10.10.2019

Woran erkennt der Berliner Prolet, dass er in München gelandet ist? In den Pissoirs sind keine Fußballtore als Ziel angebracht, sondern ein Golfloch mit Fähnchen.

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Keine Dummheiten in diesem Getränkemarkt!

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11.10.2019

Richtig schöne Runde mit Freunden in München. Wir kabbeln uns erst, als wir versuchen, mit zu vielen Köchen nicht den Brei zu verderben, doch wir kriegen die Kurve und debattieren danach leidenschaftlich, worum es in der Gesellschaft geht und was wie wo am besten dem Gemeinwohl dient. Eine politische Diskussion also, obwohl keiner von uns sich für das Polit-Theater im Fernsehen interessiert.

12.10.2019

Was mir in München eine willkommene Abwechslung ist: Hier achtet man viel mehr darauf, gut auszusehen. Viele schicke Menschen, nette Menschen, alle strahlen mit der Sonne um die Wette. Viel weniger Berliner Schluffigkeit und Mauligkeit. Auf Dauer wäre es mir hier sicher zu oberflächlich und konsumorientiert (von teuer mal ganz abgesehen), aber für ein Wochenende voller Sonnenschein bin ich gerne hier. Bonus: Man kann die Alpen sehen!

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Jo mei.

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13.10.2019

Mit Matthias im sehr fantastischen und unbedingt zu empfehlenden Zig Zag Jazzclub in Berlin. Vier junge Musiker geben alles und spielen allerfeinsten Swing Jazz. Ich denke mal wieder an Papa, wie der das feiern würde. Und bevor ich traurig werde, feiere ich für ihn einfach mit.

14.10.2019

Das Wochenende hat gutgetan. Nach einer tollen Zeit in München und dem Jazz gestern Abend, habe ich heute einige gute Ergebnisse eingefahren. Bei all dem Stress der letzten Wochen ist es schön zu sehen, dass ich Dinge geschafft kriege. Vor ein paar Tagen oder Wochen habe ich gefragt, ob man nun seine Komfortzone permanent challengen soll oder stattdessen auf seine innere Stimme hören und sich Ruhe gönnen soll. Und ich habe verstanden, dass es um die Balance zwischen beiden Polen geht (danke Bettina). Heute habe ich diese Balance gut gefunden.

15.10.2019

Als Barbetreiber erlebt man schon so einiges. Erst meint gestern ein kleiner Wicht, unsere Leute beleidigen zu müssen und kartet dann noch per negativer Bewertung auf Google Maps nach. Dann haben wir heute drei Vorstellungstermine für neues Personal, von denen keiner stattfindet. Zwei davon kommen einfach nicht, ohne einen Pieps. Wenigstens Nummer drei sagt rechtzeitig ab. Es gibt noch Hoffnung.