1.12.2019

Und da bin ich wieder in good old Chiang Mai. Fast acht Jahre mittlerweile nach meinem ersten Trip hierher. Dieses Mal kommt mir alles irgendwie unwirklich vor, so wie die letzten Wochen, in denen ich einfach nur von Aufgabe zu Aufgabe gehetzt bin. Jetzt bin ich also auf einmal hier. Mal sehen, wie sich alles anfühlt, wenn sich der Rauch gelegt hat und ich wieder klarer sehe.

2.12.2019

Ich bin von Hause aus ein sehr genügsamer Mensch. Das finde ich im Grunde eine gute Eigenschaft, da ich immer ein Grundlevel an Zufriedenheit empfinden kann. Nachteil ist, dass man unangenehme Situationen oft einfach aushält, ohne etwas daran zu ändern. Zum Beispiel wie heute im Hotel, als mich um 7.30 Uhr eine Klimaanlage aus dem Schlaf riss, die sich anhörte wie ein Schaufelbagger im Nachbarbett. Zum Glück habe ich mittlerweile gelernt, nicht alles auszuhalten, mich bei der Rezeption gemeldet und sofort ein Upgrade auf ein ruhigeres und viel komfortableres Zimmer bekommen.

3.12.2019

Ich fahre durch Chiang Mai und sehe ein großes Schild eines Restaurants. Es heißt „Chef Tao“ und zeigt das stolze Konterfei des jungen Kochs. Ich kann mir richtig vorstellen (auch wenn ich hier vielleicht dem Sozialkitsch verfalle), wie dieser junge Mann als Kind den Traum hatte, ein bedeutender Koch zu werden. Jetzt hat er es geschafft und nennt sein Restaurant stolz nach seinem Traum. Ich habe den Eindruck, dass der Wunsch, „es“ zu schaffen, bei uns nicht mehr so ausgeprägt ist, weil irgendwie schon so viel geschafft ist. Aufstieg ist für die, die schon oben sind, eben nur noch schwer möglich und bestimmt auch weniger attraktiv.

4.12.2019

Das Leben ist voller Überraschungen. Oft sind diese weniger gut oder schlecht, als sie auf den ersten Blick aussehen. Mir ist wichtig, dass mein Leben voller Überraschungen bleibt, inklusive der vermeintlich weniger guten. Erstens weiß man das auf den ersten Blick gar nicht, und zweitens ist mir Bewegung nach oben und unten wichtiger, als wenn alles immer gleich bliebe.

5.12.2019

Ich lese bei Jordan Peterson über Status und dass die Neigung, den Status anderer zu erkennen und uns im Verhältnis dazu einzuordnen, tief in uns verwurzelt ist. In Thailand ist das noch voll ausgeprägt: Die Mädchen wollen schön sein und die Jungs wollen dicke Autos (oder wenigstens ein aufgemotztes Moped). Bei uns läuft das oft, wenn überhaupt, nur noch im Verborgenen ab. Frauen wollen nicht mehr über ihr Aussehen definiert werden und Männer nicht mehr über ihre Kohle. Sind wir einfach nur sehr gut darin, unsere Natur im Zaum zu halten?

6.12.2019

Ich kenne zwei Versionen der Regel, was man zum Beginn des Arbeitstages zuerst machen soll. Version 1: die wichtigste Aufgabe des Tages. Version 2: die unangenehmste Aufgabe des Tages. Mir fällt auf, dass das oft das gleiche ist. Wahrscheinlich, weil mir bei wichtigen Aufgaben wichtiger ist, es gut zu machen, und weil die Sorge, das nicht zu schaffen, unangenehm ist.

7.12.2019

Ich beginne den Tag mit ordentlich Restalkohol, der am Nachmittag zu einem veritable Kater wird. Der Preis für eine wilde Sause gestern Nacht, die viel Spaß gemacht hat. Beim späten Frühstück reden wir über Alkohol, wie man damit aufhört. Wird für mich immer attraktiver (interessanterweise immer nach durchzechten Nächten).

8.12.2019

Ich neige dazu, Projekte aufzugeben, wenn ich mich mitten in der Ebene befinde, wo nicht viel passiert, wo es mühsam ist, wo Zweifel aufkommen. Bei diesem Projekt will ich mich zwingen, weiterzumachen, den Zweifeln nicht nachzugeben. Gleichzeitig gibt es die Regel, dem guten Geld kein schlechtes hinterherzuwerfen, kein totes Pferd zu reiten, also nicht ewig Projekte zu verfolgen, die nicht erfolgreich sein werden. Woher weiß ich, wann welche Richtung richtig ist? Gibt es überhaupt eine richtige Entscheidung oder wird beides ok sein?

9.12.2019

Früher habe ich eine Nacht Schlaf als eine Einheit betrachtet. Ich gehe abends schlafen, dann wache ich morgens auf, fertig. Seit einigen Jahren wache ich jede Nacht mind. 1-2 mal auf. Hier in Chiang Mai ist in den letzten Tagen alles völlig durcheinander. Die letzte Nacht war in Abschnitte von 1-3 Stunden Schlaf aufgeteilt, jeweils mit wirren, bewegenden Träumen, wie eine Sammlung von verrückten Kurzgeschichten. Nicht bedrückend, eher unterhaltsam. Es gibt einfach gerade viel zu verarbeiten aus den letzten Wochen, und hier scheint mein Geist endlich die Ruhe dazu zu finden.

10.12.2019

Nachts wird es in Chiang Mai empfindlich kalt. Mein Zimmer hat keine Heizung, sodass es morgens richtig frisch ist. Eigentlich mag ich es kühl, aber nach einer Stunde am Rechner stelle ich mich erst einmal ein paar Minuten auf einen schmalen Streifen Sonne auf meinem Balkon, um mich wie eine Echse wieder ein wenig aufzuwärmen.

11.12.2019

Vor einer Woche habe ich mir genau überlegt, wie ich meine Arbeitstage gestalten will. Das ist das Ergebnis:

  • 7 Uhr: aufstehen, Wim-Hof-Übungen, duschen
  • 8 Uhr: Tee machen und am Buch arbeiten
  • 10 Uhr: Frühstücken
  • 11.30 Uhr: ins Co-Working fahren und für mein Business arbeiten

Der Nachmittag ist dann nicht genau geplant, je nachdem, ob ich Telefonate mit Deutschland habe, zum Sport gehe oder etwas anderes ansteht. Doch ich mache jeden Tag gute Fortschritte am Buch und bekomme auch sonst gut was geschafft.

12.12.2019

In Asien Bücher schreiben ist eine gute Idee, weil ich den ganzen Vormittag Ruhe vom Tagesgeschäft habe. Das könnte ein Ritual werden: mehrere Monate nach Asien gehen, um dort in Ruhe zu schreiben. Ich meine, Christian Kracht hätte mal gesagt, er muss in Asien sein, um zu schreiben, in Deutschland ginge das nicht.

13.12.2019

Beim Abendessen besprechen wir, wie es ist, Momentaufnahmen zu schreiben und diese gelegentlich zu vergessen. Und prompt vergesse ich sie und schreibe dies zwei Tage später.

14.12.2019

Nach mehreren Aufenthalten in Chiang Mai, über Jahre verteilt, schaffe ich es endlich nach Pai. Wir fahren die berühmten 762 Kurven und erreichen diese kleine süße Stadt, die dich einlädt, hängenzubleiben und zu vergessen, was du sonst im Leben vorhattest.

15.12.2019

Sebastian fragt uns etwas über die Sonne und schon tauchen wir für eine Stunde ein in eine Diskussion über Religion, Sinn, Quantenmechanik, Evolution, Klimawandel, Chaos. Einfach so, because we can.

Wo ist das Kommentarfeld?

Habe ich abgeschaltet. Ich habe in zwei Jahren genau acht Kommentare erhalten, scheint also nicht so beliebt zu sein, die Kommentarfunktion. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass aus den Kommentaren direkt auf der Website selten ein Gespräch entsteht, da man nicht mitbekommt, wenn auf den Kommentar geantwortet wurde. Deshalb, wenn Du mir Feedback zu meinen Beiträgen geben willst (worüber ich mich sehr freue), dann schreib mir entweder eine Mail oder teile den Beitrag auf Facebook, Twitter oder sonstwo und markiere mich, damit ich das mitbekomme. Dann können wir uns dort unterhalten, wo sich Leute eben heute unterhalten. Und nicht in meinem verödeten Kommentarbereich. Danke!