1. August 2020

Abends im Kühlhaus Görlitz. Der Langschlenderer, ein Mann mit acht Instrumenten und einer Loop-Station, gießt nach und nach Geräusche in unsere Ohren wie ein verrückter Wissenschaftler Chemikalien in Reagenzgläser.

2. August 2020

Schon im Studium habe ich gelernt, dass jeder seine eigene Realität hat. Das habe ich noch nie so deutlich gesehen wie aktuell bei der Schwurblerdemo in Berlin. Oder überhaupt beim Aufeinanderprallen der Gesinnungen, die man weltweit beobachten kann. Ich frage mich, wie man es hinbekommen kann, dass sich die Menschen verstehen, wenn sie sich in völlig verschiedenen Realitäten bewegen und nicht gewillt sind, die jeweils andere auch nur anzuhören.

3. August 2020

Ich fühle mich eigentlich immer dann besonders produktiv, wenn ich viele Stunden gearbeitet habe. Heute waren es eher wenig, aber ich habe gute, wichtige Dinge gemacht. Das ist doch eigentlich das, was zählt.

4. August 2020

Ich überlege, wie ich weniger Zeit am Smartphone verbringen könnte, und stoße auf minimalistische Smartphones, die außer telefonieren und WhatsApp nicht viel können, weil sie so klein und unpraktisch sind. Klingt gut.

5. August 2020

Am S-Bahnhof Nordbahnhof hängen Schilder, die in drei Sprachen darauf hinweisen, dass man bei Ertönen des Alarms den Bahnhof verlassen soll. Da hat jemand nach dem 2. Weltkrieg nicht ordentlich aufgeräumt.

6. August 2020

Man denkt ja aktuell immer wieder, die Menschheit würde demnächst in Barbarei versinken. Heute vor 75 Jahren hielt eine Regierung es für legitim, 160.000 Zivilisten mit einer Atombombe zu pulverisieren. Und zwar keine von den bösen Regierungen, sondern von den guten. Das würde sich heute keine mehr erlauben.

7. August 2020

H&M, drei Umkleiden, alle belegt. Zweierteams organisierter Jugendlicher besetzen die Kabinen. Einer probiert an, der zweite geht auf Supply Runs und besorgt Nachschub. Wie lange sie denn noch bräuchten? „Ach, noch ne Weile.“ Keines dieser wertvollen Goldsternchen, mit denen das Universum in seiner grenzenlosen Güte die Welt beschenkt hat, kommt auf die Idee, dass der alte Sack da nicht steht, um sie creepy zu beobachten, sondern, weil er auch etwas anprobieren möchte. Mit anderen Worten: Ich möchte mich über die Jugend beschweren.

8. August 2020

Ok, dass es scheinbar sehr cool ist, ganz schmale Lenker am Fixie zu haben, habe ich verstanden. Sieht man schon von Weitem am komischen Griff, als hätte derjenige Handschellen an, auf der Flucht vor der Polizei oder so. Neueste Variante aber, die ich doch irritierend finde: einen normal breiten Lenker haben und diesen trotzdem ganz eng zu greifen. Das kann doch nur ne dämliche Allüre sein, oder?

9. August 2020

Ich empfehle Sebastian Don Winslows Trilogie über den amerikanischen „War on Drugs“ und wünschte mir, ich könnte die Bücher wieder vergessen, um sie noch einmal zum ersten Mal lesen zu können.

10. August 2020

Gerade sagt uns unsere Geschäftsbank, dass ab November Gebühren für Einlagen erhoben werden, also negative Zinsen. Geld ist so billig wie nie. Wenn der Preis einer Ware sinkt, heißt das doch, dass mehr da ist, als die Leute brauchen, oder? Man könnte sich doch kein besseres Beispiel einfallen lassen, um zu zeigen, dass wir als Gesellschaft ganz schön reich sind. (Natürlich nur alle zusammen, nicht jeder einzelne.)

11. August 2020

Wenn man bei Twitter Leuten mit vielen Followern folgt, bekommt man schnell den Eindruck, da sei immer was los und jeder redet mit jedem. Wenn man dann als kleines Licht auch mitmacht, ist es eher wie in einem Western, wo so ein runder Busch über die leere Hauptstraße kullert. Keine Sau da. Ich vermute (hoffe) mal, das geht den meisten so.

12. August 2020

Ich sitze morgens an meinem Buch, überarbeite den ersten Entwurf. Seit ich an dem Buch arbeite, fühle ich mich als Anfänger, manchmal sogar als Hochstapler. Habe Zweifel, ob ich das kann. Finde höchstens mittelmäßig, was ich geschrieben habe. Aber heute merke ich, dass ich mittlerweile in der Lage bin, zu erkennen, was gut ist und was nicht. Ich habe hunderte Bücher gelesen. Ich habe viel geschrieben. Wie ein Sportler im Finale feuere ich mich an: Ich weiß, wie das geht. Ich muss nur die Arbeit machen. Scheiß auf die Zweifel.

13. August 2020

Seit ein paar Wochen mache ich Crossfit in Polen. Und ich habe auch schon ein paar polnische Crossfit-Begriffe aufgeschnappt: Runde heißt „runda“, Langhantel heißt „sztanga“ und Hantel heißt „hantle“. Ist polnisch immer so einfach?

14. August 2020

Ich habe mir gerade vorgenommen, an den letzten Satz meiner Textnachrichten auch wieder einen Punkt zu setzen.

15. August 2020

Beim Fokus-Festival im Rabryka. Ich frage mich, ob Rabryka und Kühlhaus Inseln der Glückseeligen sind, Real-Life-Bubbles, die schon am nächsten Hartz-4-Bescheid, am nächsten AFD-Stand zerplatzen? Oder sind es bunte Staubkörner, aus denen früher oder später Perlen werden? Beides möglich, alles offen.

Wo ist das Kommentarfeld?

Habe ich abgeschaltet. Ich habe in zwei Jahren genau acht Kommentare erhalten, scheint also nicht so beliebt zu sein, die Kommentarfunktion. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass aus den Kommentaren direkt auf der Website selten ein Gespräch entsteht, da man nicht mitbekommt, wenn auf den Kommentar geantwortet wurde. Deshalb, wenn Du mir Feedback zu meinen Beiträgen geben willst (worüber ich mich sehr freue), dann schreib mir entweder eine Mail oder teile den Beitrag auf Facebook, Twitter oder sonstwo und markiere mich, damit ich das mitbekomme. Dann können wir uns dort unterhalten, wo sich Leute eben heute unterhalten. Und nicht in meinem verödeten Kommentarbereich. Danke!