1. September 2022

Vor zwei Nächten saß ich noch am Boxhagener Platz und habe mich von einem abgerissenen Typen anschreien lassen, der meinte, dass alle Menschen am Platz sein Eigentum seien. Heute sitze ich in den Bergen auf der Terrasse und höre nur das Läuten der Kuhglocken.

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2. September 2022

Erster Wandertag. Das Wetter ist traumhaft und die Berge auch. Ich möchte die ganze Zeit jubeln, auch, als ich ziemlich fertig am ersten Gipfel ankomme. Ich habe das Gefühl, dass ich das richtig verdient habe.

3. September 2022

Bei der School of Life war eine der Aufgaben vor Kurzem, dass man sich ein paar Stunden nehmen sollte, in denen man nur macht, worauf man gerade wirklich Lust hat – wie ein Kind. Heute hatte ich wieder so einen Moment, wo ich etwas gemacht habe, weil ich Lust hatte. Ohne zu fragen, ohne Bescheid zu sagen, einfach so. Das will ich in Zukunft öfter machen.

4. September 2022

Wenn mir was Gutes widerfährt, freue ich mich, vor allem, weil es unerwartet oder neu ist. Und dann gewöhne ich mich daran und es ist nichts Besonderes mehr. Bzw. fange ich dann an, es zu erwarten, dass es wieder und wieder passiert. Und wenn diese Erwartung dann nicht oder nicht voll erfüllt wird, bin ich enttäuscht.

5. September 2022

Diesen Gedanken finde ich total inspirierend: „Der antike griechische Philosoph Sokrates glaubte, dass alles Wissen eine Form der Erinnerung sei. Sokrates postulierte, dass die Seele, unsterblich in ihrem Wesen, alles wisse, bevor sie als Kind neu geboren werde. Doch zum Zeitpunkt der Geburt sei alles vorherige Wissen vergessen und müsse erst durch die Erfahrungen, die der Mensch im Laufe seines Lebens mache, wieder erinnert werden.“ (Zitat aus Beyond Order von Jordan Peterson

6. September 2022

Heute habe ich die härteste Wandertour meines Lebens gemacht. Nicht besonders lang, nur 11 km, dafür aber 1400 Höhenmeter, zwischendrin laut Komoot bis zu 38 % Steigung und mit 10 kg Gepäck auf dem Rücken. Bin mehrmals an meine Grenzen gekommen. Aber am Ende habe ich es geschafft und die Landschaft ist hier oben wirklich atemberaubend. Und ich bin die ganze Strecke keinem Menschen begegnet.

7. September 2022

Ich habe mir heute ein neues Wort ausgedacht: Komootiot. Das ist jemand, der oder die die komplette Routenplanung nur mit Komoot macht und dann mitten in der Walachei landet und sich an Ästen festhalten muss, damit er nicht durch den Schlamm rutscht. Und ja, ich bin ein Komootiot.

8. September 2022

Aufgeben im Sinne von „akzeptieren, dass die Dinge anders laufen als gewünscht“, ist eine wichtige Fähigkeit. Ich gebe heute meine Solo-Wanderung auf. Es regnet wie Sau und ich kenne die Wege nicht, die vor mir liegen. Mein Bauch sagt nein, und ich buche mir stattdessen ein schönes Hotelzimmer und ’ne Busfahrt. Die schwarze Katze, die draußen entlang schleicht und mir heute Unglück bringen wollte, schaut irritiert.

9. September 2022

Eine weitere Übung der School of Life war, sich sogenannte „Ernte-Fragen“ zu stellen: bedeutende, tiefgehende, provokante, inspirierende Fragen. Diese Fragen sollte man nicht sofort beantworten, sondern einfach sichtbar halten und abwarten, welche Antworten kommen. Ich habe mir für meine Reise im September diese beiden Fragen mitgenommen: 1. Wo und mit wem will ich leben? 2. Welcher Sache will ich dienen? Heute habe ich Geburtstag, und wie ein Geschenk an mich selbst kommen mir langsam Ideen dazu. Keine Antworten, aber eine Art Sicherheit, dass ich auf diese Fragen schon gute Antworten finden werde. Die Fragen nicht sofort zwanghaft und strukturiert beantworten zu müssen, sondern einfach präsent zu haben und zu warten, was passiert, ist eine neue Erfahrung und fühlt sich richtig gut an.

10. September 2022

Heute auf dem Programm: Canyoning. Morgens mache ich mir hart ins Hemd, vielleicht, weil B. und W. vorher YouTube-Videos von der Tour gucken und weil vor ein paar Tagen eine junge Frau hier in der Region beim Canyoning verunglückt ist. Aber mit den beiden Guides und gutem Material fühle ich mich super wohl und springe kurz darauf, ohne zu zucken (na ja, ein bisschen), 7 Meter in die Tiefe und seile mich 20 Meter die Wand herunter ab. Geil war’s.

11. September 2022

Gestern Canyoning, heute Kajak-Wildwasser-Tour. Ich könnte nichts anderes machen, als jeden Tag was Neues auszuprobieren und nachmittags zu chillen.

12. September 2022

Mein erster Tag auf einem Klettersteig. Die Rosengarten-Gruppe in den Dolomiten. Wenn ich vorher gewusst hätte, was ich heute machen werde, hätte ich mindestens zweimal überlegt. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal an einer Wand hängen würde, auf schmalen Felsabsätzen stehend, mich an einem Drahtseil festhaltend, und neben mir geht es steil bergab, hunderte Meter. War natürlich alles gesichert, aber trotzdem. Abends fühle ich mich wie ein Held.

13. September 2022

Es ist teilweise verrückt, was man am Klettersteig macht. Es gibt Passagen, die sind nicht schwer, und trotzdem habe ich dann den Gedanken: Wenn ich jetzt verkacke, bin ich vielleicht tot. Es dann trotzdem zu machen, grenzt an Wahnsinn, aber trotzdem mache ich es. Wahrscheinlich, weil ich mir sicher bin, dass ich nicht verkacken werde. So ähnlich wie man sich beim über die Straße gehen auch sicher ist.

14. September 2022

Ok, heute war es noch einen Zacken schärfer. Normalerweise habe ich kein Problem damit, einen 50 Zentimeter breiten Pfad entlangzulaufen. Wenn der aber auf 3000 Metern Höhe liegt und es auf beiden Seiten steil bergab geht, zweifle ich sogar an meinen grundlegendsten Fähigkeiten, zum Beispiel der, geradeaus zu gehen. Dann geht es eben auf allen Vieren voran. Das Seil, an dem wir befestigt waren, hat geholfen, sonst wäre ich umgedreht.

15. September 2022

Vor zwei Wochen bin ich losgefahren, jetzt ist mein Wander- und Abenteuertrip fast vorbei. Es war fantastisch. Jeden Tag in der Natur. Ich bin 130 km gewandert, aus sieben Metern Höhe in einen Gebirgsbach gesprungen, habe mich aus 20 Metern in einen Wasserfall abgeseilt, bin mit einem Mountainbike mit 70 km/h den Berg runter, bin Wildwasserkajak gefahren und in den Dolomiten Passagen geklettert, die ich mir nie hätte vorstellen können. Und das alles mit tollen Freunden zusammen, mit denen ich viel geredet, gelacht und geschwitzt habe. Was für ein super Trip. Ich bin bereit für neue Taten.